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BARMHERZIGKEIT GOTTES

Buchfragmente
"BARMHERZIGKEIT GOTTES IN SEINEN WERKEN"
von Priester Dr. Michael Sopocko

"Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht,
er hat Kunde gebracht." (J 1, 18)

Wenn wir die Sonne nur von einem bewölkten Tag kennen würden, hätten wir nicht genug Ahnung von ihrem Licht. Ähnlich wie bei den Funken des Regenbogens können wir Gottes Wesen sowie seine Vollkommenheit nur erkennen. Die Schöpfung zeigt uns seine Vollkommenheit in vielfältigem Zustand während in Gott selbst alles eine Einheit ist.
Gott als vollkommene Erscheinung ist reiner natürlicher Geist. Es ist unmöglich die Vollkommenheit Gottes zu ergründen. Eine dieser Vollkommenheiten Gottes wird besonders (durch) seinen Sohn Jesus Christus ausgezeichnet. Von dieser Vollkommenheit, ähnlich einer Quelle fließt alles heraus, was wir auf der Erde erfahren. Dies ist die Barmherzigkeit Gottes. "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist"!

Seine Barmherzigkeit ist dafür da, uns vom Elend zu erlösen sowie unsere Fehler zu ergänzen. Es ist sein Wille alle die unter ihren Mängeln leiden zu helfen, denn die Menschen sind nicht
in der Lage dies selbst zu tun. Einzelner Akt der Barmherzigkeit ist das Mitleid und gleich bleibender Zustand des Erbarmens ist die Barmherzigkeit. Die Beziehung Gottes zu seiner Schöpfung wird durch die Beseitigung menschlicher Fehler und Erteilung seiner Gaben gezeigt. Die Erteilung der Vollkommenheiten, unabhängig von den Umständen, ist das Werk göttlicher Gnade, die jedem die Gabe nach seinem Gefallen gibt.

Nicht in jedem Dasein bedeuten Mängel Elend, weil jedes Geschöpf nur erfährt was Gott für
es vorgesehen hat. Es ist kein Unglück, dass ein Schaf keinen Verstand hat und kein Elend
des Menschen, dass er keine Flügel hat. Der Mangel des Verstandes beim Menschen dagegen oder das fehlen der Flügel eines Vogels kann als Elend und Unglück bezeichnet werden.
Was auch immer Gott für die Schöpfung tut, so tut er das nach einer vorhergesehenen Ordnung. Diese macht Gottes Gerechtigkeit aus. Weil Gott diese Ordnung absolut freiwillig wollte,
kann in ihr das Werk der Barmherzigkeit gesehen werden.

Wenn wir in die ersten Gründe und Motive göttlicher Tätigkeit eindringen, sehen wir in
der Quelle jeder Tat seine Barmherzigkeit. Was Gott uns beschert ist seine eigene Entscheidung. In jedem Werk Gottes können wir die erwähnten Vollkommenheiten sehen.
Ein Beispiel dafür wäre die Rettung des Mose, der im Korb auf dem Nil ausgesetzt wurde.
Bei der Rettung des Mose war Gott selbstlos, denn er hätte das Kind nicht retten müssen.
Sie geschah rein durch Gottes Großzügigkeit. Gott hat Mose gerettet, damit dieser die Israeliten von den Ägyptern befreit. Das ist seine Gerechtigkeit. Gott hielt Wache über das verlassene Kind, das den unterschiedlichsten Gefahren ausgesetzt war. Das ist Gottes Vorsehung.
Die Rettung des Kindes aus seinem Elend, das erteilen besserer Lebensumstände,
z. B. das Leben in einer neuen Familie, Erziehung, Ausbildung, ist das Werk
der Barmherzigkeit Gottes.

Gottes Güte ist Barmherzigkeit die erschafft und gibt. Gottes Großzügigkeit ist wachende Barmherzigkeit. Gerechtigkeit Gottes ist Barmherzigkeit die uns für unsere Taten mehr
belohnt- und für unsere Vergehen weniger bestraft als wir verdient haben. Gottes Liebe
ist Barmherzigkeit die Mitleid mit dem Elend des Menschen hat und uns an sich heranzieht. Anders gesagt ist die Barmherzigkeit Gottes Hauptmotiv göttlichen Wirkens nach außen.
Sie ist Grundlage jeden Werkes des Schöpfers.

In jedem Buch der Heiligen Schrift sowohl im Alten als auch im Neuen Testament wird
die Barmherzigkeit Gottes oft erwähnt. Am meisten darüber beinhaltet das Buch der Psalmen. Von hundertfünfzig Psalmen loben 55 diese Vollkommenheit Gottes. In der ganzen Heiligen Schrift gibt es mehr als 400 Stellen, die direkt die Barmherzigkeit Gottes preisen. Im Psalm 136 lautet ein Vers: "Seine Liebe hört niemals auf". Im Psalm 130 loben deutlich mehr Verse
die Barmherzigkeit Gottes. Zudem werden in den Psalmen neben dem Begriff "barmherzig" noch eine ganze Reihe von Synonymen benutzt, um unsere Überzeugung von der unermesslichen Barmherzigkeit Gottes zu stärken.

Die Vielfältigkeit der Begriffe von der Barmherzigkeit Gottes in der Heiligen Schrift verwundert viele. Sie fragen nach dem warum. Wir sehen darin den Willen Gottes den Menschen seine Barmherzigkeit zu erteilen und die Zuversicht an sie zu wecken. Gott will uns über sein innerstes Leben belehren. Er will von uns Verehrung seiner Barmherzigkeit und dass wir ihn
in seinen Taten nachahmen. (Band 1, Seite 5-16)


KULT DER BARMHERZIGKEIT GOTTES

Jesu Liebe zu uns ist göttlich und menschlich, weil er die menschliche und göttliche Natur besitzt. Daher kann man das heiligste Herz des Erlösers für das Symbol seiner dreifachen
Liebe zu uns sehen: Göttlich, menschlich-geistlich und menschlich-gefühlvoll.
Das Herz ist nicht formales Bild (Zeichen) sondern scheint nur eine Spur davon zu sein.
Kein geschaffenes Bild vermag das wesentlich nämlich die grenzenlose, barmherzige Liebe darzustellen. Pius XII versucht dies in seiner Enzyklika "Haurietis apuas" vom 15. Mai 1456 auszudrücken.

Im Kult des heiligsten Herzen Jesu ehren wir neben seiner göttlichen, vor allem
die menschliche Liebe zu uns. Er liebt das Elend - das ist Barmherzigkeit Gottes.

Wir erkennen also im Kult nur die Spur der göttlichen Barmherzigkeit. Er befindet sich bloß
im Bezug auf ihn. Im Kult der göttlichen Barmherzigkeit ist Blut und Wasser, strömend aus
der offenen Seite des Erlösers am Kreuz, der nähere materielle Gegenstand. Blut und Wasser sind die Symbole der Kirche.
(...) Sie fließen in der Kirche ständig in der Form von Gnade die z. B. die Seele reinigt
(im Sakrament der Taufe und Buße) und ihr Leben gibt (Eucharistie). Der heilige Geist
ist Spender von diesen Gnaden, die der Erlöser zuerst den Aposteln erteilte.
(...) Formaler Gegenstand (ein Motiv) im Kult der Barmherzigkeit Gottes ist die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes in seinem Zuwenden der fallenden Menschen. Diese Liebe Gottes zu dem Menschen hat größere Bedeutung,
weil sie nicht die Vollkommenheit Gottes lobt, sondern die mitleidende Liebe des Elends
(des Menschen) heraushebt.

(...) Aus dem erwähnten lässt sich schließen, dass der Kult der Barmherzigkeit Gottes
aus dem Kult des Herzens Jesu hervorgegangen ist. Sie waren vereint. Jetzt steht der Kult
der Barmherzigkeit für sich allein und identifiziert sich nicht mehr mit dem Kult des Herzen Jesu. Er besitzt einen anderen Gegenstand sowie ein anderes Ziel. Der Kult bezieht sich auf
alle drei Personen der Heiligen Dreifaltigkeit und nicht nur auf die göttliche zweite Person.
Der Kult spricht mehr für den psychischen Zustand des heutigen Menschen, der mehr denn
je die Zuversicht auf Gott braucht. "Jesus, ich vertraue auf Dich und durch Dich vertraue
ich auf den Vater und den Heiligen Geist".
(Band II, Seite 204 - 205)

Die Andacht zur Barmherzigkeit Gottes aller Seelen wird vor allem im Sakrament der Buße beschert. Sie richtet sich auf die Verehrung des barmherzigsten Erlösers und nicht auf einen besonderen Zustand oder ein besonderes Geheimnis. Obwohl die Andacht individuell ist,
lässt sie sich verallgemeinern. Unsere Verehrung wendet sich dann an die verehrte Person
des Gott-Menschen. Das drückt das Stoßgebet aus: "Jesus, ich vertraue auf Dich." Das Gefühl der Sünde und des Elend im Menschen ruft eine Tugend der Zuversicht hervor die zugleich Grundlage unserer Rechtfertigung ist. (Band II, Seite 263)


ZUVERSICHT

Entscheidender Faktor um die Barmherzigkeit Gottes zu erlangen ist Zuversicht. Zuversicht
ist das erwarten von Hilfe von jemandem. Es ist nicht die einzige Tugend. Sie setzt sich
aus Hoffnung sowie einem Bestandteil der Tugenden Stärke und Großmütigkeit zusammen.
Die aus dem Glauben herausfließende Zuversicht stärkt die Tugenden der Hoffnung und Liebe. Außerdem verbindet sie sich auf die eine oder andere Weise mit moralischen Tugenden.
Sie ist deshalb eine Grundlage, bei der sich theologische mit moralischen Tugenden verbinden. Die moralischen Tugenden verwandeln sich von natürlichen in übernatürliche inwieweit wir
sie mit der Zuversicht auf Gottes Hilfe praktizieren.

Wertvolle Zuversicht wie z. B. das Erwarten von Menschenhilfe kann große Triebkraft im Menschenleben sein. Es kann uns helfen, wenn wir uns an die Belagerungen von Chocim, Zbaraz und anderen Festungen erinnern. Dort hielten die Belagerten mit heldenhafter Ausdauer die schrecklichsten Angriffe des Feindes aus und ertrugen dabei alle Mängel nur weil sie Hilfe und Befreiung erwarteten. Die Erwartungen von Menschen bleiben oft versagt. Wer dagegen auf Gott vertraut, der wird niemals enttäuscht. "Der Frevler leidet viele Schmerzen,
doch wer dem Herrn vertraut, den wird er mit seiner Huld umgeben". (Ps 32, 10)

(...) Bei der Abschiedsrede während des letzten Abendmahles sagte Jesus, dass Zuversicht
die notwendige Bedingung sei, um die Hilfe der göttlichen Barmherzigkeit zu bekommen:
"In der Welt wird man euch hart zusetzten, aber verliert nicht den Mut. Ich habe die Welt besiegt". Das sind die letzten Worte des Erlösers vor dem Leiden welche sein Lieblingsjünger notiert hat um alle Gläubigen an die Wichtigkeit der Zuversicht zu erinnern.

Warum wurde die Zuversicht so stark empfohlen? Weil sie eine Ehre für die Barmherzigkeit Gottes ist. Wer die Hilfe Gottes erwartet bekennt, dass dieser allmächtig und gut ist.
Zudem glaubt er, dass Gott uns Hilfe geben will und geben kann, weil er barmherzig ist.
"Nur einer ist gut, Gott" (Mk 10, 18) Wir sollen Gott in seiner Wahrheit kennen lernen, denn falsche Erkenntnis macht uns gleichgültig gegen Gott und hindert den erhalt der Gnaden,
die er in seiner Barmherzigkeit verschenken will.

(...) Unser geistiges Leben hängt hauptsächlich davon ab, was wir für Vorstellungen von Gott haben. Es gibt zwischen Gott und uns fundamentale Beziehungen die sich auf unsere Natur beziehen. Es gibt aber auch Beziehungen die auf unsere Einstellung zu Gott, also von unseren Gottesvorstellungen abhängen. Wenn wir vom höchsten Herrn falschen Vorstellungen haben werden unsere Beziehungen zu Gott unrichtig und unsere Anstrengungen diese zu verbessern fruchtlos. Wenn wir von Gott eine ungenaue Vorstellung haben, werden in unserem Leben
viele Fehler und Unvollkommenheiten auftreten. Wenn wir von Gott in unserer menschlichen Beschränktheit seine Wahrheit versuchen zu erkennen, entwickelt sich in unserer Seele
mit Sicherheit Helligkeit und Licht.

Die Vorstellungen von Gott sind also Schlüssel zur Heiligkeit, der dieses Verhalten zwischen Gott und uns reguliert. Gott hat uns als eigene Kinder angenommen, oft verhalten wir uns
in unserem Leben nicht wie Kinder Gottes. Wir zeigen in unserem Verhalten oft nicht,
dass wir Kinder Gottes sind und mangelnde Zuversicht verhindert das Wirken Gottes.
Das ist wie eine dunkle Wolke, die das durchscheinen der Sonnenstrahlen verhindert
oder ein Damm, der das Wasser nicht durchsickern lässt.

(...) Nichts bringt der göttlichen Allmacht mehr Ehre wie das vertrauen in ihn.

Damit unsere Zuversicht nie versagt, soll sie sich mit entsprechenden Eigenschaften auszeichnen, die uns der König der Barmherzigkeit selbst hingewiesen hat. (...) Aus Rücksicht auf Gott soll die Zuversicht übernatürlich, rein, stark und standhaft sein. Vor allem soll
die Zuversicht aus der Gnade Gottes strömen und sich auf Gott stützen. (...) Wenn wir Gott vertrauen, dürfen wir uns selbst sowie unseren Talenten, unserer Klugheit und eigenen Stärke nicht zu sehr vertrauen, weil Gott uns sonst seine Hilfe versagt und uns eigene Unfähigkeit
und Schwachheit erfahren lässt.

In Glaubensdingen sollten wir nicht auf uns selbst vertrauen oder die Überzeugung haben,
dass wir Gottes Absichten verletzen oder zunichte machen könnten. (...) Wenn wir Gott vertrauen sollen wir uns nicht auf menschliche Maßstäbe stützen, denn die größten Kräfte
und Schätze der Welt helfen nicht, wenn Gott nicht dahinter steht. Man soll notwendige Maßnahmen wählen, sich aber nicht ausschließlich darauf stützen sondern die ganze Zuversicht in Gott legen. Vertrauen auf Gott motiviert uns zu fleißiger Arbeit in kleinsten Dingen
und schützt zugleich vor der Unruhe mancher Menschen. Sich nur auf Gott zu verlassen
ohne eigen Mithilfe ist dagegen Faulheit.

Die Zuversicht auf Gott soll stark und standhaft, ohne Zweifel und Schwäche sein.
So eine Zuversicht hatte Abraham als er seinen Sohn opfern wollte. Auch Märtyrer hatten
diese Zuversicht. Den Aposteln fehlte diese Tugend in der Gewitterzeit, deshalb machte Jesus ihnen den Vorwurf: "Warum habt ihr solche Angst? Ihr habt zu wenig vertrauen"! (Mt8, 26)
Wenn man starkes Vertrauen hat, soll man sich vor Kleinmütigkeit und Vermessenheit hüten. Die Kleinmütigkeit ist eine der gemeinsten aller Versuchungen. Wenn wir den Mut zum Fortschritt im Guten verlieren, fallen wir schnell in einen Abgrund kleiner Verbrechen.
Die Vermessenheit führt uns in Versuchung, mit dem Vorwand, dass Gott uns sowieso rettet.

Die Zuversicht soll mit Furcht verbunden sein, die Folge der Erkenntnis unseres Elendes ist. Ohne diese Furcht wird die Zuversicht eine Einbildung und Furcht ohne Zuversicht wird Kleinmütigkeit. Aus Furcht mit Vertrauen wächst Demut und Stärke die sich zu Demut und Bescheidenheit weiterentwickeln. Damit ein Segelboot schwimmen kann, braucht es Wind
und ein bestimmtes Gewicht um beim eintauchen ins Wasser nicht ins kentern zu geraten.
Auch wir brauchen den Wind des Vertrauens und das Gewicht der Furcht. (Ps 146, 11)

Die Zuversicht soll mit der Sehnsucht verbunden werden, also mit dem Verlangen,
die Versprechen Gottes zu sehen und sich einst mit dem geliebten Erlöser zu verbinden.
(...) Die Sehnsucht nach Gott soll mit seinem Willen übereinstimmen, nicht nur im Gefühl sondern auch im Willen demütig sein. Der Wille soll uns zu ständiger Arbeit und absoluter Aufopferung für Gott motivieren. Die Sehnsucht voller Vertrauen soll man auf ehrliche Buße
für begangene Sünden annehmen, weil man ansonsten einer Täuschung unterlegen wäre. "Wer dem Herrn vertraut, wird seine Güte erfahren" (Ps 31, 10). Wenn das Schiff durch ein schweres Gewitter Mast, Leine und Steuer verliert und die hohen Wellen es auf einen Felsen treiben und ihm zudem der Schiffbruch droht, suchen die Seemänner im letzten Maße Zuflucht indem sie den Anker hinunter lassen, der das Schiff aufhält und so ein Schiffbruch vermieden wird. So ein Anker ist für uns das Vertrauen in Gott und seine Hilfe.

(...) Doch Segen soll über alle kommen, die allein auf mich, den Herrn ihr vertrauen setzen!
Sie sind wie Bäume, die am Wasser stehen und ihre Wurzeln zum Bach hin ausstrecken.
Sie fürchten nicht die glühende Hitze. Ihr Laub bleibt grün und frisch. Selbst wenn der Regen ausbleibt, leiden sie keine Not. Nie hören sie auf, Frucht zu tragen". (Jo 17, 7-8).

Hier sind die Früchte des Vertrauens vom Heiligen Geist gegeben.
Vor allem die Zuversicht, die Ehre der Barmherzigkeit Gottes ist,
gibt dem Vertrauenden Stärke und Kraft um größte Schwierigkeiten zu überwinden.
(...) Das Vertrauen auf Gott beseitigt alle Traurigkeit und Niedergeschlagenheit
und füllt die Seele mit großer Freude; sogar in schwierigsten Lebensumständen.
(...) Die Zuversicht der Allmacht Gottes wirkt Wunder.
(...) Die Zuversicht gibt innerlichen Frieden, welchen die Welt nicht geben kann.

Die Zuversicht ebnet den Weg für alle Tugenden. Es gibt eine Legende in der alle Tugenden beschlossen haben, die mit zahlreichen Verbrechen befleckte Erde zu verlassen und zum Himmel zurückzukehren. Als sie sich der Himmelspforte genähert haben ließ der Pförtner
sie alle - bis auf die Zuversicht ein. Sie sollte auf der Erde bleiben, damit die in so viele Versuchungen und Leiden verwickelten Menschen nicht in Verzweiflung geraten.
Das ist der Grund warum die Zuversicht zurückkehren musste und alle anderen Tugenden mitgenommen hat. Die Zuversicht tröstet besonders den sterbenden Menschen, denn im letzten Moment erinnert er sich an alle Sünden seines ganzen Lebens, die ihn zur Verzweiflung führen. Deshalb soll man den Sterbenden Vertrauen geben, auf das nicht mehr entfernte Vaterland hinweisen, wo der König der Barmherzigkeit mit Freude die auf seine Barmherzigkeit vertrauenden erwartet. Die Zuversicht versichert die Belohnung nach dem Tod,
wie zahlreiche Beispiele der Heiligen beweisen.

Der sterbende Verbrecher auf dem Kreuz neben Jesus wandte sich im letzten Moment
seines Lebens vertrauensvoll an Jesus und hörte die glückliche Verheißung aus Jesu Mund:
"Ich versichere dir, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein". (...) "Unglücklich ist
der Mensch, der auf andere Menschen vertraut und sich auf sterbliches Fleisch stützt
und dessen Herz vom Herrn abfällt. Er wird wie Unkraut im Urwald sein und nicht sehen,
wenn das Gute kommt..." (Jr 17, 5-6)

Das Bild der heutigen Welt sieht so aus. Man vertraut auf eigene Klugheit, Kraft
und Erfindungen die den Menschen nicht glücklich machen sondern Selbstvernichtung provozieren. Erfindungen sind eine gute Sache und gemäß dem Willen Gottes, der einst
die Worte sprach: "Macht euch die Erde untertan". Man darf aber nicht ausschließlich
dem eigenen Verstand vertrauen und dadurch auf die Ehre und das dem Schöpfer zustehende Vertrauen vergessen.

(...) Menschliches Misstrauen zu Gott ist ein unsinniges und grundloses Missverständnis,
dass dadurch entsteht, dass wir Gott für unsere Fehler und Unvollkommenheiten verantwortlich machen. Wir transportieren unser Verhalten auf Gott und stellen ihn uns darum veränderlich, launisch, roh und besorgt vor. In dieser Verhaltensweise beleidigen wir Gott und tun uns selbst großes Unrecht. Wie würde das ausgehen, wenn der Lenker unseres Schicksals tatsächlich
so launisch, rachsüchtig und aufbrausend wäre, wie wir ihn uns manchmal vorstellen.
Unsere falschen Gottesvorstellungen und das Abschieben unserer Fehler auf ihn ist
das Ergebnis unserer eigenen Schwäche, Traurigkeit, unserer Furcht und inneren Unruhe.

Die Zuversicht kann mit einer vom Himmel hängenden Kette verglichen werden an
der wir unsere Seelen festhalten. Gottes Hand hebt die Kette empor und greift die sich daran festhaltenden. (...) Lasst uns also diese Kette während des Gebets ergreifen, wie der Blinde
aus Jericho, der neben dem Weg saß und rief: "Jesus, Davids Sohn, erbarme dich meiner". Lasst uns au Gott vertrauen in gegenwärtigen und ewigen Bedürfnissen, im Leiden, in Gefahr und Einsamkeit. Lasst uns auf ihn vertrauen, auch wenn uns vorkommt von Gott verlassen
zu sein, wenn er uns seinen Trost verwehrt, uns nicht erhört und uns mit schweren Kreuzen belastet. Dann soll man besonders auf Gott vertrauen, denn das ist eine Probe
- und Erfahrungszeit, die jede Seele durchleben muss.

Heiliger Geist, gib mir die Gnade der unerschütterlichen Zuversicht in die Verdienste
des Herrn und Zuversicht in die Annahme meiner Schwächen.

Wenn Armut an die Tür meines Hauses klopft: "Jesus, ich vertraue auf dich".
Wenn mich Krankheit oder Behinderung verfolgen: "Jesus, ich vertraue auf dich".
Wenn mich die Welt verstoßt und mit Hass verfolgt: "Jesus, ich vertraue auf dich".
Wenn ich verleumdet werde und Bitterkeit mich durchtränkt: "Jesus, ich vertraue auf dich". Wenn mich Freunde verlassen und in Wort und Tat verletzen: "Jesus, ich vertraue auf dich".

Geist der Liebe und der Barmherzigkeit, sei mir Zuflicht, süßer Trost und gütige Hoffnung,
dass ich in schwierigsten Umständen meines Lebens nicht aufhöre auf dich zu vertrauen".
(Band III, S. 189-200)



TUGEND DER BARMHERZIGKEIT
DIE PFLICHT BARMHERZIGKEIT AUSZU‹BEN

Die Tugend der Barmherzigkeit ist eine Bruderschaft zwischen dem Menschen und einer gefühlvollen Mutter, die alle Leiden lindert und tröstet. Das ist das Bild der göttlichen Vorsehung, deren Augen offen für alle Bedürfnasse sind, vor allem für das Bild der Vermittlung des Barmherzigen Vaters. "Werdet barmherzig so wie euer Vater barmherzig ist". (Lk 6,36)

Wir sollen verstehen dass diese Tugend nicht nur Ratschlag, sondern eine strenge Pflicht für
jeden Christen ist. Viele Menschen haben falsche Vorstellungen von Barmherzigkeit und denken dass sie durch das Wirken barmherziger Taten Opfer vollbringen, die von ihrem Willen und ihrem guten Herzen abhängen. Dies ist jedoch ganz anders. Barmherzigkeit ist nicht nur Ratschlag an den man sich anpassen muss. Mann kann ihn auch nicht unterlassen ohne gesündigt zu haben. Barmherzigkeit ist Recht und Pflicht. Vom erfüllen dieser Pflicht kann sich niemand entziehen.

Dies entnehmen wir aus der heiligen Schrift, aus unserem Verstand und aus den Beziehungen
zu unseren Mitmenschen. Schon im Alten Testament war dies eine Verpflichtung für alle.
"Es wird in euerem Land immer Arme geben, deshalb befehle ich euch: Unterstützt eure Armen und Not leidenden Brüder"! (Deut 15,11).

(...) Der Erlöser fordert von uns Barmherzigkeit. Beim letzten Gericht steht geschrieben, dass aus dem Mund des Richters folgendes Urteil kommt: "Geht mir aus den Augen, Gott hat euch verflucht! Fort mit euch in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel vorbereitet ist"! (Mt 25,41).
(...) Als einzige Ursache erwähnt er Mangel an barmherzigen Taten für die Nächsten:
"Denn ich war hungrig, aber ihr habt mir nichts zu essen gegeben. Ich war durstig, aber ihr
habt mir nichts zu trinken gegeben. Ich war fremd, aber ihr habt mich nicht aufgenommen.
Ich war nacht, aber ihr habt mir nichts zum anziehen gegeben. Ich war krank und im Gefängnis, aber ihr habt euch nicht um mich gekümmert...".

"Was ihr an einem von meinen geringsten Brüdern zu tun versäumt habt, das habt ihr an
mir versäumt" (Mt 25, 42-45).
Nach diesen Worten des Herrn Jesus, muss man nicht beweisen,
Dass Tugend der Barmherzigkeit Pflicht ist, denn der gerechte Gott kann nicht dafür bestrafen,
was nicht geboten ist. (...) Zahlreiche Fragmente der Heiligen Schrift sprechen von einer irdischen Belohnung für die gegenüber den Nächsten gezeigte Barmherzigkeit. "Bedürftigen helfen heißt, Gott etwas leihen, der wird es voll zurückerstatten" (Sprichwörter 14, 17). (...) Größeren Segen und Gnaden verspricht Jesus den Barmherzigen: "Schenkt, dann wird Gott euch schenken... Darum gebraucht anderen gegenüber ein reichliches Maß, denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden" (Lk 6, 38).

(...) Die Belohnung für die Barmherzigkeit endet nicht mit irdischen Dingen. Viel kostbarer sind
die geistlichen Güter, mit welchen Gott diese Tugend belohnt und diese in folgende Worte fasst. Vergebung und Gnade bei Gott. Das ist höchste Güte, kostbarster Schatz, leicht zu finden teuerste Perle, wenn man Barmherzigkeit Nächsten gegenüber praktiziert. Wenn jemand das Unglück hatte im Glauben zu fallen oder sich wie ein Blinder im Leben zu verirren, soll er barmherzig sein um auf diesem Weg das verlorene Himmelslicht wieder zu finden. Wenn jemand noch nicht zur Erkenntnis der göttlichen Barmherzigkeit gekommen ist, soll er anfangen die Barmherzigkeit seinen Nächsten gegenüber zu praktizieren und mit Sicherheit erfüllen sich auch bei ihm die Worte des Erlösers: "Freuen dürfen sich alle die barmherzig sind - Gott wird auch mit ihnen barmherzig sein" (Mt 5,7).

(...) Die Tugend der Barmherzigkeit erbittet uns Gnade und Licht, läutert uns von Sünden,
bringt uns zum Sakrament der Buße und rettet die Seele vom Tod (ewiger Verdammnis).
"Almosen rettet von allen Sünden und vorm Tod und erlaubt der Seele nicht zur Finsternis
zu gehen" (Tb 411).

(...) Um die ewige Belohnung für die barmherzigen Taten zu erhalten, müssen diese gewisse Bedingungen erfüllen. Sie müssen in reiner Absicht gemacht werden, freiwillig, gerne, ständig
und ohne Rücksicht darauf, für wen wir diese Taten tun.

(...) Was für eine große Ehre ist es Gott auf Erden im barmherzigen Dienst in Brüdern
und Schwestern zu sehen, Nächste aus dem Elend ihrer physischen und moralischen Mängel
zu retten.
(...) Was für ein Glück für uns, dass uns Gott auf so einfache Art und Weise für unsere Sünde abbüßen lässt, um die ewige Belohnung zu verdienen".

Priester Dr. Michael Sopocko

 

 

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